Im Sommer 1928 kam Louise Arner Boyd mit einem Schiff, Geld, Kameras und einem ziemlich überschaubaren Plan in Norwegen an.
Sie wollte zurück in die Arktis.
Bei ihrer vorigen Reise hatte es Landschaft, Fotografie, wohlhabende Freunde und reichlich Trophäenjagd gegeben. Mit anderen Worten: Es war noch nicht ganz die Sorte Expedition, die man mit den Worten „ein bedeutender Beitrag zur geographischen Wissenschaft“ ankündigt.1
Dann verschwand Roald Amundsen.
Amundsen gehörte längst zu den berühmtesten Entdeckungsreisenden der Welt. Er hatte die erste Expedition zum Südpol geführt und Jahrzehnte damit verbracht, die Polarregionen auf europäischen Karten ein wenig weniger weiß aussehen zu lassen. Im Juni 1928 startete er mit dem französischen Wasserflugzeug Latham 47, um bei der Suche nach der vermissten Besatzung von Umberto Nobiles Luftschiff Italia zu helfen.
Auch das Rettungsflugzeug verschwand.
Als Boyd Norwegen erreichte, hatte die Arktis aus einer vermissten Expedition also bereits zwei gemacht.
Boyd änderte ihre Pläne sofort.
Sie stellte den norwegischen Robbenfänger Hobby, den sie für ihre eigene Reise gechartert hatte, der norwegischen Regierung zur Verfügung und schloss sich der Suche nach Amundsen an. Aus der Kreuzfahrt wurde eine Rettungsmission. Boyd half, das Schiff auszurüsten, brachte Flugzeuge und Piloten in die Suche ein und verbrachte rund zehn Wochen damit, durch die Grönlandsee, um Spitzbergen und Franz-Josef-Land zu fahren, auf der Suche nach irgendeiner Spur der Vermissten.1,2
Die Suche brachte nichts: kein Wrack, keine Überlebenden, keinen Hinweis darauf, was geschehen war.
Für Louise Boyd bewirkte sie trotzdem etwas ziemlich Entscheidendes.
Sie brachte sie mit den Menschen zusammen, die tatsächlich wussten, wie Polarforschung funktionierte, und machte aus einer bis dahin außerordentlich kostspieligen persönlichen Leidenschaft etwas sehr viel Ernsthafteres.1
Und um zu verstehen, warum Boyd diesen Schritt überhaupt machen konnte, müssen wir zurück nach Kalifornien.
Boyd wurde 1887 in San Rafael in eine ausgesprochen wohlhabende Familie geboren. Ihr Vater John Franklin Boyd war im Bergbau und im Geschäftsleben tätig. Louise wuchs auf einem großen Anwesen auf, reiste komfortabel und erhielt jene private Bildung, die wohlhabenden Familien in Nordkalifornien offenstand.2
Dann schrumpfte die Familie innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit drastisch.
Ihre beiden Brüder starben jung. Ihre Eltern starben 1919 und 1920. Louise wurde zur Haupterbin des Familienvermögens.1
Entschlossenheit ist bei Polarexpeditionen zwar nützlich; ein Schiff möchte trotzdem bezahlt werden.
Boyd konnte bezahlen.
Das verschaffte ihr eine ungewöhnliche Unabhängigkeit. Sie musste weder eine Universität noch eine Behörde, ein Zeitungssyndikat oder einen reichen Mäzen davon überzeugen, dass ihre geplante Expedition die richtige Mischung aus Prestige und Schlagzeilen liefern würde. Sie konnte das Schiff selbst chartern.
Zunächst nutzte sie diese Freiheit ziemlich genau so, wie man es von einer reichen Person in den 1920er-Jahren erwarten könnte.
Sie reiste.
1924 fuhr sie entlang der norwegischen Küste nach Norden und erreichte den Rand des Polareises. Das Erlebnis ließ sie nicht mehr los. Zwei Jahre später charterte sie die Hobby für eine wesentlich größere Expedition Richtung Franz-Josef-Land.1,6
Und diese erste eigentliche Expedition ist ein gutes Gegenmittel gegen die Versuchung, aus Boyd nachträglich eine moderne Heilige im Polaranzug zu machen.
Sie fuhr unter anderem zum Jagen.
Die Gruppe tötete Eisbären. Zeitgenössische Berichte machten aus der Zahl ein großes Thema; Boyd selbst wurde zugeschrieben, mehrere Tiere geschossen zu haben.1
Sie nahm allerdings auch tausende Fuß Film und Hunderte Fotografien auf, dokumentierte Meereis, sammelte Pflanzen und beobachtete die Landschaft aufmerksam. Noch bevor die wissenschaftliche Phase ihrer Laufbahn begann, wurden die Kameras bereits zu mehr als bloßen Souvenirmaschinen.1
Als sie 1928 zurückkehrte und um sie herum die Amundsen-Krise ausbrach, verwandelte sie sich also nicht in einem einzigen filmreifen Augenblick von einem „Menschen ohne jedes wissenschaftliche Interesse“ in eine „Wissenschaftlerin“.
Was sich änderte, war der Zweck.
Die Arktis war nicht mehr nur ein Ort, den sie der Erfahrung wegen besuchte. Sie wurde zu einem Ort, den Boyd untersuchen wollte.
Die Suche umfasste rund 10.000 Meilen und führte weit in die Polarmeere. Boyd filmte die Arbeit unterwegs. Im Nationalarchiv sind diese Aufnahmen bis heute erhalten: Vorbereitungen, Flugzeuge und lange Strecken Eis, die recht anschaulich zeigen, was es in der Arktis bedeutete, nach einem einzigen verschwundenen Flugzeug zu suchen.1,2
Vor allem zeigen sie: sehr viel Suchen.
Norwegen verlieh Boyd später für ihre Beteiligung an der Suche den Sankt-Olav-Orden; Frankreich ernannte sie zum Ritter der Ehrenlegion.2,6
Folgenreicher war allerdings etwas anderes: das Netzwerk.
Boyd hatte nun Wochen mit erfahrenen Polarseeleuten, Fliegern, Forschern und Wissenschaftlern verbracht. Sie hatte gesehen, wie viele präzise Beobachtungen sich aus einer Reise gewinnen ließen, die von außen betrachtet vor allem danach aussah, als bewege sich ein Schiff durch Nebel und Eis.
1931 fuhr sie wieder hin.
Diesmal hieß das Ziel Ostgrönland.
Und nun ändert sich auch die Sprache.
Boyd selbst bezeichnete die Reise von 1931 später als „fotografische Erkundung“. Es ging nicht mehr bloß darum, einen dramatischen Ort zu erreichen. Sie wollte das Gelände kennenlernen, es systematisch fotografieren und umfangreichere wissenschaftliche Arbeiten vorbereiten.3
Boyd charterte ein weiteres norwegisches Schiff, die Veslekari. Sie wurde Expeditionsleiterin und offizielle Fotografin. Sie arbeitete mit der American Geographical Society zusammen und lernte Photogrammetrie: die Gewinnung von Messdaten und Karten aus sorgfältig positionierten Fotografien.1,2,3
Hier hört Fotografie auf, das zu sein, was man nach der Ankunft an einem interessanten Ort macht, und wird zum Vermessungsinstrument.
Während der Expedition von 1931 machte Boyd mehrere tausend Aufnahmen. In einem Gebiet lieferten mehr als 200 Fotografien von gezielt ausgewählten Standpunkten genügend Informationen, damit die American Geographical Society daraus eine detaillierte topografische Karte anfertigen konnte.2
Eine ziemlich eindrucksvolle Antwort auf die Frage:
„Hast du wenigstens ein paar Fotos gemacht?“
Die Expedition erreichte das Ende des Ice Fjord, untersuchte geografisch noch unsichere Gebiete und fotografierte Geländeformen so detailliert, dass bestehende Karten korrigiert werden konnten. Ein Gebiet zwischen zwei Gletschern erhielt später offiziell den Namen Louise Boyd Land.2,4
Und weil Geschichte Menschen gern ein wenig selbstdarstellerischer aussehen lässt, als sie tatsächlich waren, sei betont: Boyd segelte nicht nach Grönland und benannte dort eigenhändig ein Stück Land nach sich selbst.
Das erledigten andere Geografen.
Offizielle grönländische Ortsnamenverzeichnisse führen den Namen als Ehrung, die nach den Kartierungsarbeiten der frühen 1930er-Jahre vergeben wurde.4
Bis 1933 hatte Boyd ein Expeditionsteam zusammengestellt, bei dem der Übergang zur Wissenschaft kaum noch zu übersehen war: Topografen, einen Botaniker, einen Geologen und einen Physiografen. Die Veslekari führte moderne Vermessungsgeräte mit, darunter ein Echolot zur Bestimmung der Wassertiefe. Untersucht wurden Gletscher, Küsten, Fjorde, Pflanzenwelt und die Form des Meeresbodens.2
Die Fotografien machte Boyd weiterhin selbst.
Dieser Punkt taucht immer wieder auf, weil sie eben nicht bloß die Person war, deren Scheck vor der Abreise einging.
Sie wählte Fachleute aus, finanzierte die Arbeit, leitete die Expedition, lernte den Umgang mit der Ausrüstung und übernahm selbst eine ihrer zentralen technischen Aufgaben. Spätere wissenschaftliche Veröffentlichungen enthielten Beiträge der Spezialisten, die sie mitgebracht hatte – genau so sollte eine ernsthafte multidisziplinäre Expedition aussehen.2,5
Aus ihren Arbeiten von 1931 und 1933 entstand The Fiord Region of East Greenland, 1935 von der American Geographical Society veröffentlicht.3 1937 und 1938 kehrte sie zurück, drang weiter entlang der ostgrönländischen Küste nach Norden vor und weitete die hydrographischen, geologischen, botanischen und glaziologischen Untersuchungen aus; 1938 war zudem spezielle Funkausrüstung an Bord.2
Spätestens jetzt war das kein Reichtourismus im Laborkittel mehr.
Die Expedition von 1938 gelangte an der ostgrönländischen Küste so weit nach Norden, bis schweres Polareis das Schiff endgültig stoppte. Boyds Gruppe ging nahe 77°48′ nördlicher Breite an Land; Raye Platts zeitnaher Bericht bezeichnete dies als die damals nördlichste Landung, die von einem Schiff aus an dieser Küste erfolgt war.2
Das klingt exakt nach der Sorte Tatsache, die ein Entdecker gerahmt an die Wand hängen würde.
Boyds Veröffentlichungen interessieren sich erheblich stärker dafür, was dort oben gemessen wurde.
Nature besprach später Boyds 1948 erschienenes Werk The Coast of Northeast Greenland als ernsthaften Beitrag nicht nur zur Kenntnis der Küste, sondern zur Glazialgeologie insgesamt.5
Beim Erscheinungszeitpunkt dieses Buches gibt es allerdings eine interessante Komplikation.
Geforscht wurde vor dem Zweiten Weltkrieg.
Veröffentlicht wurde danach.
Die US-Regierung bat Boyd, die detaillierten Ergebnisse ihrer Expeditionen von 1937 und 1938 nicht zu veröffentlichen, solange die Informationen strategischen Wert haben konnten. Ostgrönland lag an den Luft- und Seewegen zwischen Europa und Nordamerika. Karten, Fotografien, Küstenbeobachtungen und Funkdaten fielen plötzlich in eine Kategorie namens:
Boyd stellte der US-Regierung Fotografien, Karten und ihr Arktiswissen zur Verfügung. 1941 finanzierte und leitete sie eine weitere Expedition in den Norden, diesmal gemeinsam mit dem National Bureau of Standards zu Funkübertragung, Ionosphärenforschung und magnetischen Messungen in der Baffin Bay, der Davisstraße und angrenzenden Regionen. Außerdem übernahm sie einen vertraulichen Auftrag des Kriegsministeriums zur Untersuchung eines möglichen Flugzeuglandeplatzes.1,2
Anschließend verbrachte sie einen Teil des Krieges in Washington als Sonderberaterin des Militärnachrichtendienstes.2
Das ist eine bemerkenswert eigenartige Karrierekurve für jemanden, bei dessen erster großer Polarexpedition die Presse vor allem darüber geschrieben hatte, wie viele Bären sie geschossen habe.
Und die Presse verlor ihr Interesse am falschen Teil der Geschichte nie ganz.
Ein Artikel von 1938 hielt es für nötig, seine Leser zu beruhigen: Boyd trage auf Expeditionen zwar Stiefel und praktische Kleidung, interessiere sich aber weiterhin für ein ganz gewöhnlich weibliches Erscheinungsbild. Boyd spielte mit und erzählte davon, sich vor dem Gang an Deck die Nase zu pudern.1
Grönland zu kartieren war offenbar beeindruckend.
Grönland zu kartieren und trotzdem Gesichtspuder zu besitzen, bedurfte anscheinend einer Erklärung.
Solche Berichte sagen einiges über die Welt aus, in der Boyd arbeitete. Geld beseitigte eine Hürde. Es beseitigte nicht die Vorstellung, eine Frau, die wissenschaftliche Feldarbeit leitete, sei irgendwie ein Kategorienfehler, den man dem Zeitungsleser eigens erläutern müsse.
1938 verlieh ihr die American Geographical Society die Cullum Geographical Medal.2
Die Medaille ist vor allem deshalb aufschlussreich, weil sie zeigt, wie weit sich Boyds Ruf verschoben hatte. 1926 berichteten Zeitungen über eine reiche Kalifornierin auf Jagdreise. Zwölf Jahre später ehrte eine der bedeutenden geografischen Gesellschaften der Vereinigten Staaten die Leiterin wiederholter wissenschaftlicher Expeditionen.
Geld öffnete die Tür. Es machte weder die Fotografien noch lernte es Vermessungsmethoden, leitete Expeditionsprogramme oder überzeugte erfahrene Wissenschaftler davon, unter Boyds Führung erneut nach Grönland zu fahren.
Dieser Unterschied geht in beide Richtungen gern verloren. Die eine Version lässt Boyds Leistungen mühelos erscheinen, weil sie reich war. Die andere will sie so unbedingt feiern, dass sie das Privileg am liebsten ganz verschwinden lässt.
Beide verpassen den interessanteren Punkt: Boyd hatte einen außergewöhnlichen Vorteil und verbrachte dann Jahre damit, daraus kompetente Feldforschung zu machen.
Nach dem Krieg organisierte sie kaum noch Schiffsexpeditionen.
Eine Sache mit der Arktis war für sie allerdings noch offen.
1955 charterte Boyd im Alter von 67 Jahren eine DC-4 und flog über den Nordpol. Norwegische Nachschlagewerke und spätere historische Darstellungen bezeichnen sie als die erste Frau, der dies gelang.6,7
Der Flug von 1955 ist ein hübscher Schlusspunkt – und nach Jahrzehnten, in denen Boyd für Schiffe, wissenschaftliche Teams, Kameras, Vermessungsgeräte und arktische Logistik bezahlt hatte, auch ein wenig komisch: Irgendwann betrachtete sie den Nordpol und löste das Transportproblem mit einem sinngemäßen „Gut, dann nehmen wir eben ein Flugzeug.“
Sie starb 1972.
Ihre Filme überlebten sie.
Das Nationalarchiv übernahm schließlich rund 150 Filmrollen aus ihrer Sammlung. Die Bibliothek der American Geographical Society bewahrt Tausende ihrer Fotografien auf. Und auf der Karte Grönlands steht ihr Name bis heute.1,3,4
Gerade weil die Suche von 1928 an ihrem eigentlichen Ziel vollständig scheiterte, bleibt sie der Wendepunkt der Geschichte.
Boyd fand Roald Amundsen nie; niemand fand ihn. Was sie aus diesen zehn Wochen mitnahm, war eine sehr viel klarere Vorstellung davon, was aus ihren eigenen Expeditionen werden sollte.
Ihre späteren Reisen kreisten um systematische Fotografie, Kartierung, Botanik, Glaziologie, Hydrographie und Funkforschung – um Belege also, nicht um die Inszenierung von Entdeckertum.
Die Arktis hatte als der Ort begonnen, an dem eine reiche Kalifornierin Abenteuer suchte.
Nach 1928 fuhr sie immer wieder zurück, weil es dort Arbeit zu tun gab.